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 Betreff des Beitrags: Genesung ohne Abstinenz, eine Gotteslästerung? Nachruf O.A.
BeitragVerfasst: Mittwoch 4. September 2013, 12:40 
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Paris 19.07.2013 | Par Sandrine Blanchard, Sandrine Cabut et Catherine Vincent


Olivier Ameisen, der Baclofen-Apostel ist verstorben.

Für Tausende von Patienten bleibt er derjenige, der ihnen die Möglichkeit gegeben hat, ihre „Gier“, das unbezähmbare Verlangen nach Alkohol zu bändigen. Sein Kreuzzug war Baclofen. Als Arzt wurde er alkoholsüchtig, fand in einem alten Medikament einen neuen Weg, seine Sucht loszuwerden und kämpfte jahrelang um die Verbreitung seiner Entdeckung.

Professor Olivier Ameisen war Kardiologe und Bruder von Professor Jean-Claude Ameisen, dem derzeitigen Präsidenten der Nationalen Ethikkommission und er starb am 18. Juli in Paris nach einem Herzinfarkt. Er war gerade 60 Jahre alt geworden. Er war ein brillianter Pianist, spielte nach Gehör und wollte mit Musik Karriere machen – als Teenager dachte er nur an Musik.

Seine Eltern sagten ihm: „mach zuerst Dein Abitur“. Er schaffte es mit 15, war nicht mal fertig mit dem Gymnasium. Zu spät, um Virtuose zu werden. Arthur Rubinstein den er um Rat bat, schlug ihm vor, Dirigent oder Komponist zu werden. Aber er will keine halben Sachen, er wählt die Medizin.


„DIE SUCHTBEHANDLUNG“, SEIN LEBENSWERK

„Er hat die Klinik und die Forschung geliebt, aber ich denke, dass er es immer bedauert hat, keine Musiker-Karriere gemacht zu haben. Musik liebte er über alles“, sagt Jean-Claude Ameisen, sein um anderthalb Jahre älterer Bruder. In der Adoleszenz sind die beiden Brüder unzertrennlich. Sie studieren zur gleichen Zeit Medizin, bereiten zusammen die Prüfungen und die Assistenzarztarbeiten vor. Im Jahr 1983 reist Olivier in die Vereinigten Staaten um für die renommierte Cornell University in New York zu arbeiten und nur dadurch sind die beiden getrennt. Der junge Mann wird schnell ein prominenter Kardiologe, aber die große Ängstlichkeit manifestiert sich relativ schnell im Alkoholismus. In extremer Form – wie alles, was er macht.

Er wurde mehrmals ins Krankenhaus eingeliefert, von den besten Suchtspezialisten behandelt, aber nichts hat geholfen. Der brillante Arzt muss seine Karriere jahrelang unterbrechen, ist während und nach Entwöhnungskuren in Unfälle verwickelt. „Ich hatte wirklich das Gefühl, dass er da nie herausfinden würde“, erinnert sich sein Bruder. Im Jahr 2001 gab ihm eine Freundin jenen Artikel aus der New York Times zu lesen, der die erstaunliche Wirkung von Baclofen bei einem Kokainsüchtigen beschrieb – ein Medikament, das seit den 1970er Jahren verwendet wurde, um Muskelkrämpfe bei MS und neurologischen Erkrankungen zu lindern.

Der Arzt vertieft sich in die wissenschaftliche Literatur, interviewt Experten und fasst einen Entschluss. Bis zum Jahr 2004 behandelt er sich selbst mit steigender Dosierung. Von seiner Sucht geheilt, sagt er, „Ich wurde dem Alkohol gegenüber gleichgültig.“ Olivier Ameisen reaktiviert seine kognitiven Fähigkeiten und entwickelt eine Gelassenheit, die ihm bis dato unbekannt war. Er kann seine Erfahrungen wissenschaftlich unterlegen und veröffentlicht Ende 2004 seinen Fall erstmals in einer führenden Fachzeitschrift. Aber es ist erst sein populäres Buch, „Le Dernier Verre“ (Hrsg. DeNoël, 2008), das ihm eine breite Aufmerksamkeit verschafft.

Baclofen hat keine offizielle Genehmigung zur Behandlung der Alkoholsucht, aber eloquente Zeugnisse vermehren sich und die Baclofen-Umsätze setzen zum Höhenflug an. Ein Teil der medizinischen Gemeinschaft bleibt zwar skeptisch, von einem anderen Teil erhält Ameisen Unterstützung. Professor Jean Dausset, Nobelpreisträger für Medizin im Jahr 1980, zögert nicht zu sagen, dass er „die Behandlung der Sucht entdeckt hat“.

Seitdem ist sie zu seinem Lebenswerk geworden. Unermüdlich und hartnäckig verbrachte der Kardiologe, der zwangsläufig Suchtspezialist wurde, seine Tage und Nächte im Kampf um die Anerkennung dieser Behandlung. Er verschickte Emails in die ganze Welt, beantwortete unzählige Fragen von Menschen die sich an ihn wandten und setzte sich mit Ärzten auseinander, die „seine Methode“ nicht verstanden. Mit seiner Kritik an der „Zurückhaltung Frankreichs“ ging er nicht sehr sparsam um. Er wollte die Ausbildung von Ärzten initiieren und sprach oft und verzweifelt, von der administrativen Langsamkeit der französischen Fakultät.

„GENESUNG OHNE UNBEDINGT ABSTINENT ZU SEIN, EINE GOTTESLÄSTERUNG“

„Begeistert, leidenschaftlich und äußerst fesselnd war Olivier Ameisen und er hat viel gelitten unter der Weigerung der Suchtspezialisten, diese Therapie als mögliche Hilfe anzuerkennen“, kommentierte Professor Didier Sicard, der ihn öffentlich unterstützt. Als Vorsitzender eines Symposiums „zugunsten von Baclofen“ am vergangenen 3. Juni, sagte der ehemalige Präsident der nationalen Ethikkommission, es handelt sich um „eine wichtige wissenschaftliche Entdeckung, die weit über Alkohol hinausreicht und die weitere Arbeiten rechtfertigen wird.“

Eine Entdeckung, die nicht nur positiv aufgenommen wurde – unter anderem, weil sie eine inakzeptable Hoffnung zuließ. „Baclofen ermöglicht uns, nicht länger Gefangene der impulsiven Gefühle der Sucht zu bleiben. Das bedeutet, es kann zur Genesung führen ohne notwendigerweise abstinent zu werden“, sagte Olivier Ameisen. In Fachkreisen der Sucht-Experten (addictologues, alcoologues) kam dies einer Gotteslästerung gleich.

„Olivier Ameisen hat einen derartigen Widerstand aus der Ärzteschaft nicht erwartet", sagte die Pychoanalytikerin Caroline Eliacheff, mit der er sich anlässlich der Veröffentlichung seines Buches anfreundete. Sie beschreibt ihn als „ein Genie und Wohltäter der Menschheit“, sie erinnert auch an seine konstituierende Angst, „die körperlich spürbar war.“

Von einer verrückten Forderung gequält und von Ungeduld gefoltert, gab dieser Mann, der kinderlos blieb, sich nicht zufrieden mit dem unglaublich erfolgversprechenden Weg, den er für sich selbst gefunden hatte. In den letzten Monaten hatte er jedoch etwas zu feiern. Klinische Studien wurden in Krankenhäusern und privaten Praxen initiiert, um die Wirksamkeit von Baclofen bei Alkoholabhängigkeit zu überprüfen. Sie könnte zu einer Zulassung in den kommenden Jahren führen.

Bis Ergebnisse vorliegen, hat die Arzneimittel-Agentur (ANSM) am 3. Juni eine „temporäre Verschreibungsempfehlung“ (RTU) angekündigt, so dass alle Ärzte ihren Patienten das Medikament, juristisch abgesichert, verschreiben können. „Olivier war sehr glücklich mit dieser Entscheidung, der so wie wir alle, seit Jahren darauf wartete“, sagte Dr. Renaud de Beaurepaire, Psychiater am Paul- Guiraud Krankenhaus in Villejuif (Val-de-Marne) und verschreibender Arzt der ersten Stunde. In den letzten Wochen bestätigte Olivier Ameisen, er habe im Herbst ein Suchtzentrum eröffnen wollen, damit er selbst „sein Arzneimittel“ hätte verschreiben können. Das Abenteuer Baclofen wird jetzt ohne ihn fortgesetzt werden müssen.

Catherine Vincent

Journaliste au Monde

Für die Übersetzung ein Dankeschön an @Rog

LG Federico
Im Thread Olivier Ameisen †18. Juli 2013 – «Letzte Worte» hatte ich angekündigt,
zu einem späteren Zeitpunkt würde ich den Original-Text des Simultandolmetschers
mit einigen Anmerkungen nachreichen.

Ich denke dieser Nachruf in Le Monde erklärt vieles besser, als ich es könnte.
Wer dennoch Fragen hat, kann sie gerne stellen.

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„Es gibt keine Alternative zum Optimismus,
Pessimismus ist Lebensfeigheit.“
Richard David Precht


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 Betreff des Beitrags: Re: Genesung ohne Abstinenz, eine Gotteslästerung? Nachruf O
BeitragVerfasst: Sonntag 8. September 2013, 12:53 
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Registriert: Mittwoch 4. April 2012, 18:20
Beiträge: 329
Auch von mir ein großes Dankeschön für die Übersetzung!!!!!
LG Trudi

_________________
"Nicht die Sucht bekämpfen, sondern die Alternative leben!"

Ute Lauterbach


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 Betreff des Beitrags: Re: Genesung ohne Abstinenz, eine Gotteslästerung? Nachruf O
BeitragVerfasst: Sonntag 8. September 2013, 13:56 
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Moderator

Registriert: Sonntag 2. Juni 2013, 21:10
Beiträge: 1671
@Trudi, Federico

Gerne geschehen,
Gerne wieder.

:ympeace:

LG

Patrick


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