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2005 Genetische Aspekte der Alkoholerkrankung

Freitag 9. August 2013, 22:14

Endlich mal wieder ein deutscher Artikel für unsere Literatursammlung.

Es ist inzwischen unumstritten, dass genetische Faktoren die Entstehung der Alkoholkrankheit (mit) beeinflussen.

Genetische Aspekte der Alkoholerkrankung

BIOspektrum· 4/05 · 11. Jahrgang, 389ff.
Catrin Wernicke
Klinische Neurobiologie, Klinik und Hochschulambulanz für Psychiatrie und Psychotherapie,
Campus Benjamin Franklin, Charité – Hochschulmedizin Berlin

Auch bei mir waren genetische Faktoren evtl. mit im Spiel :
Mein Großvater mütterlicherseits und mein Vater waren nach meinem Eindruck Alkoholiker, auch wenn sie von ihrem Umfeld nicht als solche wahrgenommen wurden.

Wie ist das bei euch. Vererbung oder "Schicksal" (oder beides?) ?

LG, Werner

Re: 2005 Genetische Aspekte der Alkoholerkrankung

Freitag 9. August 2013, 22:48

@Werner

Hallo Werner. Mein Name ist rog. @rog. Ich glaube, wir sind uns im Forum noch nicht begegnet.
Werner hat geschrieben:Wie ist das bei euch. Vererbung oder "Schicksal" (oder beides?) ?
Ich habe hier im Forum einen Thread geöffnet, der heisst Sinuskurve. Bitte schau doch mal rein, abgesehen von meinen langweiligen Beiträgen, habe ich dort vor kurzem meine Vererbung beschrieben.

LG

rog

Re: 2005 Genetische Aspekte der Alkoholerkrankung

Samstag 10. August 2013, 07:09

Hallo rog,
ich schaue öfter in Sinuskurve rein. Aber ich muss gestehen: deinen Beitrag vom 07.08. habe ich erst nach deinem Hinweis gelesen, Danke!
LG, Werner

Und: "langweilig" sind deine Beiträge beileibe nicht!!! :YMAPPLAUSE:

Re: 2005 Genetische Aspekte der Alkoholerkrankung

Samstag 10. August 2013, 07:49

Hallo Werner

Für mich wirkt es gut und selbsttherapeutisch, aber ich mag mich durchaus vorstellen, dass es für Aussenstehende mal weniger spannend ist. Meine Frau hat mir mal gesagt, ich solle nicht immer soviel über das Gleiche schreiben...

LG :-h

rog

Re: 2005 Genetische Aspekte der Alkoholerkrankung

Samstag 10. August 2013, 08:43

Hallo Werner,

Ich habe da eine eigene Theorie. Es gibt kein „Saufgen“. Es gibt aber genetische Dispositionen, die „unbehandelt“ oder therapiert zu einer Sucht führen können. Sucht ist demnach eine Folge eines Kompendationsmechanismuses. Aber wie gesagt, nur meine Vorstellung.

Liebe Grüße Volker

Re: 2005 Genetische Aspekte der Alkoholerkrankung

Samstag 10. August 2013, 09:54

@Werner,

... und täglich grüßt das Murmeltier. Nein, nicht täglich aber immer wieder.
Das liegt im Fall der Genforschung m. E. an der Pharmaindustrie, die den permanenten Zufluss an Mitteln für diese Forschungsvorhaben weltweit sicherstellt. Der Grund dafür liegt auf der Hand. Hätte man nämlich ein Gen identifiziert, dem man die Verantwortung für z. B. Alkoholismus geben könnte, würde man ein defektes Gen mit neuen Medikamenten aus der Biotec-Retorte reparieren und einen neuen Blockbuster am Markt etablieren.

Wenn man weiß, dass bei 80% plus X, der an einer Alkoholstörung erkrankten Menschen, eine oder mehrere F-10-Diagnosen vorliegen, wären die Forschungsgelder m. E. in die Therapieforschung sinnvoller investiert. Aber welche forschende Pharmafirma würde in die Erforschung geeigneter neuer Therapiemethoden investieren?

Ein Beispiel für die Folgen traumatischer Erlebnisse ist die Erforschung der PTBS bei Kriegsveteranen aus 3 Kriegen der US Army. Erst als die Kosten für die langjährigen therapeutischen Behandlungen per Gerichtsurteil der Army auferlegt wurden, initierte diese umfangreiche Forschungen. Die Ergebnisse sind deutlich einleuchtender als die der Genforschung. Siehe auch O. Ameisen im Buch, über die gut erforschten Übertragungsmechanismen bei Nachkommen von Holocaustopfern.

LG Federico

Re: 2005 Genetische Aspekte der Alkoholerkrankung

Montag 12. August 2013, 06:16

Lieber Volker, lieber Federico,

auch wenn ihr die Existenz eines "Alkoholikergens" nicht anerkennt:
es gibt doch einige Hinweise auf dessen tatsächliche Existenz.

Es ist z.B. das crhr1-Gen :

Alkoholabhängigkeit: Genetische Aspekte

T a g d e r M e d i z i n 2 0 0 7, Uni Göttingen
Autoren:
Dr. med. Silke Pauli, Dr. med. Cornelia Schubert
Abteilung Humangenetik
Universitätsmedizin Göttingen, Georg-August-Universität

"Mäuse mit defektem crhr-gen trinken in
Stresssituationen deutlich mehr Alkohol als
ihre Artgenossen."

Genetik der Alkoholabhängigkeit

Biol. Unserer Zeit|
5/2006 (36) http://www.biuz.de © 2006 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim

Trinkverhalten genetisch beeinflusst

Das Nationale Genomforschungsnetz

Interaktionseffekte zwischen dem CRHR1-Gen und belastenden Lebensereignissen beeinflussen das Erstkonsumalter von Alkohol und den Konsum junger Erwachsener

12.06.2008 - Riskanter Alkoholkonsum im Jugendalter: Zwischen Empirie und Praxis
B. Schmid, G. Schumann, M. Laucht (Mannheim, DE; London, GB)

The CRHR1 gene, trauma exposure, and alcoholism risk: a test of G × E effects
(G=Gen, E=Environment = Umfeld/Umgebung)

Genes, Brain and Behavior
Volume 12, Issue 4, pages 361–369, June 2013
L. A. Ray1,2,*, M. Sehl3,4, S. Bujarski1, K. Hutchison5, S. Blaine5, M.-A. Enoch6
Article first published online: 4 APR 2013

"showed nominally significant, gene × environment (G × E) effects on alcoholism status. This study extends the literature on the interplay between CRHR1 variation and alcoholism, in the context of exposure to traumatic stress. These findings are consistent with the hypothesized role of the extra hypothalamic corticotropin-releasing factor system dysregulation in the initiation and maintenance of alcoholism. Molecular and experimental studies are needed to more fully understand the mechanisms of risk and protection conferred by genetic variation at the identified loci."

Wenn ihr Argumente habt, die gegen einen genetischen (Mit-) Einfluss sprechen: gerne.

GLG, Werner

2011 CRHR1, Angst und Sucht

Montag 12. August 2013, 06:32

Das passt zum Thema!

Kontrolle der Angst entschlüsselt

Molekulare Faktoren der Stressreaktion regulieren emotionale Balance


Originalveröffentlichung:
Damian Refojo, Martin Schweizer, Claudia Kuehne, Stefanie Ehrenberg, Christoph Thoeringer, Annette M. Vogl, Nina Dedic, Marion Schumacher, Gregor von Wolff, Charilaos Avrabos, Chadi Touma, David Engblom, Günther Schütz, Klaus-Armin Nave, Matthias Eder, Carsten T. Wotjak, Inge Sillaber, Florian Holsboer, Wolfgang Wurst, Jan M. Deussing
Glutamatergic and Dopaminergic Neurons Mediate Anxiogenic and Anxiolytic Effects of CRHR1
Science Express, online 1 September 2011 (DOI:10.1126/science.1202107)

LG, Werner

Nicht alles zum Thema CRHR1 kommt also von Spanagel/Mann...

Re: 2005 Genetische Aspekte der Alkoholerkrankung

Montag 12. August 2013, 09:41

Werner1503 hat geschrieben:Wenn ihr Argumente habt, die gegen einen genetischen (Mit-) Einfluss sprechen: gerne.

@Werner,

nicht unbedingt dagegen, aber es gibt gewisse Vorbehalte meinerseits.

1. Eugenik
Im Deutschland der Nationalsozialisten dagegen vergrößerte sich das Interesse an der Zwillingsforschung. Galtons Eugenik wurde zur "Rassenhygiene". Führender Theoretiker war der - später auch in der Bundesrepublik wissenschaftlich tätige - Prof. Ottmar von Verschuer. Dessen Assistent Dr. Josef Mengele, SS-Freiwilliger und Mediziner, widmete sich schließlich ganz der Zwillingsforschung. Sein "Laboratorium" war das KZ Auschwitz-Birkenau. Durch Experimente an ins Lager eingelieferten Zwillingen wollte Mengele herausfinden, wie das Erbgut gezielt zu manipulieren sei.

2. Zwillingsforschung
Was prägt den Menschen mehr – Erbgut oder Umwelt? Zwillinge gelten als die idealen Versuchspersonen, um diese Frage zu klären. Doch jetzt bringen neue Erkenntnisse die Fundamente der Zwillingsforschung ins Wanken: Eineiige Zwillinge sind gar nicht genetisch identisch.

3. Epigenetik / PTSB / PTBS
Offenbar sind nicht nur Kinder von Holocaust-Überlebenden, sondern auch die Kinder anderer Eltern mit PTSD, anfällig, diese emotionale Belastung zu erben. Das schließt Kinder von Kriegsveteranen (Dekel & Goldblatt, 2008) ebenso mit ein, wie Kinder von sexuell Missbrauchten, Flüchtlingen, Folteropfern und anderen Traumapatienten. Zudem kann der Übertragungsprozess sich auch nach der Geburt der Zweiten Generation fortsetzen und die Enkel, Großenkel und eventuell weitere Nachfahren erfassen.

Nachdem wir wissen, dass bei 80% plus X, der an Alkoholismusstörungen leidenden Patienten eine oder mehrere F-10 Störungen diagnostiziert werden konnten, erscheint es mir nicht hinreichend plausibel, Vererbung verantwortlich machen zu wollen. Mit anderen Worten, der Einfluss der Psyche ist deutlich besser erforscht und auffälliger, als ein vermuteter Einfluss des crhr1.

Die Google-Scholarsuche erbrachte mit den Stichworten crhr1-Gen: 13 Hits ww, crhr1 Alcohol: 1.070 Hits ww, PTSD Alcohol: 51.000 Einträge weltweit. Der Zusammenhang zwischen den PTSD (Post Traumatic Stress Disorder) PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung) und Alkohol/Drogen wurde aufgrund der US-Veteranen-Forschung sehr deutlich hergestellt. 50% der Veteranen aus dem Vietnamkrieg die an PTSD erkrankt waren, hatten zugleich Alkohol- und/oder Drogenprobleme. Spätere Forschungsergebnisse mit Ausweitung von Korea bis Afghanistan haben ähnliche Resultate gezeigt.

Diese Dissertation, Hamburg 2013 gibt einen sehr guten Überblick. Hier ein Auszug:

Der National Vietnam Veterans Readjustment Survey (NVVRS) zeigte, dass die Prävalenz bei den Kriegsveteranen nach DSM III bei Männern bei 30,9% und bei den Frauen bei 26,9%27 liegt.

Es konnte gezeigt werden, dass bei Patienten mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung in 87,5% der Fälle auch eine weitere psychische Erkrankung diagnostiziert werden kann. Am häufigsten tritt die PTBS mit psychiatrischen Erkrankungen wie zum Beispiel affektiven Störungen, Angststörungen und Alkohol- bzw. Drogenmissbrauch auf. Die National Comorbidity Survey untersuchte die Lebenszeitprävalenz für Alkoholmissbrauch sowie den nicht alkoholischen Substanzmissbrauch. Es wurde deutlich, dass eine beträchtliche Anzahl der untersuchten Personen auch unter einem Alkohol/Substanzmissbrauchsproblem litt. Die Lebenszeitprävalenz beim Alkoholmissbrauch lag hier bei 51%, für einen Substanzmissbrauch bei 34,5 %. Dabei schätzten Kessler et al. (1995), dass der Substanzmissbrauch als primäre Störung im Zusammenhang mit einer PTBS auftritt. Bei den Angststörungen scheint es umgekehrt zu sein.

LG Federico

Re: 2005 Genetische Aspekte der Alkoholerkrankung

Montag 12. August 2013, 10:56

@Federico,
danke für deine sehr interessanten Kommentare.
Intuitiv sträubt sich in mir auch was gegen die Existenz eines "Suchtgens"
(ich schreibe absichtlich nicht "Alkoholikergen").
Aber vielleicht ist es ja so, dass beides eine Rolle spielt :
Genetische Disposition und -weit gefasst- Umfeldeinflüsse.
Können wir damit leben?
LG, Werner
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